"Auras de Guerra" - Kriegsschauplätze (Interventionen in den öffentlichen revolutionären Raum Nicaraguas)
Mit seinem Projekt „Auras de Guerra“ „Kriegsschauplätze“ hinterfragt der international erfolgreiche Künstler Ernesto Salmerón die kollektive Erinnerung an die Sandinistische Revolution, konfrontiert sie in Bildern und Videos mit dem Heute. Er zeigt die Brüchigkeit von Erinnerungen und legt gleichzeitig die Fallen des Vergessens offen.
Ernesto Salmerón: geboren 1977, lebt und arbeitet in mangua. Zahlreiche internationale Ausstellungen, darunter die 52. Biennale in Venedig 2007.
Als in Nicaragua die Revolution der Sandinisten begann, war Ernesto Salmerón gerade zwei Jahre alt. Als Dreizehnjähriger erlebte er die Wahlniederlage der einstigen Sieger. Heute versucht er die Vergangenheit aus den Spuren zu lesen, die sich der Gegenwart eingeprägt haben, und weiß: „Die Erinnerung ist ein Minenfeld“.
Als die ersten Fotos der Serie „Auras de Guerra“ (Kriegsschauplätze) entstanden, studierte Salmerón in Cali, Kolumbien soziale Kommunikation. Die Ferien verbrachte er in seiner Heimat und damit auch den 19. Juli, jenen Tag, an dem in Nicaragua der Sieg der Sandinisten gefeiert wird. Seit 1996 hält Salmerón diesen Jahrestag in Porträts fest. Von Kindern, Paaren, Jugendlichen, Frauen, Männern. Diese Fotos haben nichts Feierliches an sich, sie sind eine Metapher verlorener Solidarität. Salmerón sieht in ihnen eine „Ausschreitung gegen die herrschende Indifferenz“. Darüber hinaus sind sie Dokumente der Zeitgeschichte, entstanden aus der Gegenwart des Augenblicks vor dem Hintergrund einer Vergangenheit, die nur in Fragmenten zugänglich wird. Seit einigen Jahren ergänzt er seine Fotos und Posters mit nicht weniger eindrücklichen Videos. Dabei ergreift er niemals Partei, und so lässt seine Dokumentation einer gescheiterten Utopie paradoxerweise eine neue entstehen.
Auf der Biennale in Venedig näherte sich der Künstler heuer seinen „Auras de Guerra“ mit anderen Mitteln. In einem Bus, der einst als Geschenk der DDR an die Revolutionäre in Nicaragua ging und der später kommerziell genutzt wurde, zeigt er „The Wall“, ein Stück Mauer mit einem Graffitti, das den Guerrillaführer Augusto César Sandino (1895 bis 1934) darstellt, jenen hinterrücks ermordeten Revolutionär, der den Sandinisten Vorbild war. Dass dieses Graffitti aus den 80er Jahren nur eine leere Fläche zeigt, wo eigentlich Nase, Augen und Mund sein sollten, lässt den Verdacht aufkommen, dass man Sandinos Bild immer schon den eigenen Vorstellungen anpassen konnte. Bewacht wurde dieser Bus mit seinen Fundstücken aus der Vergangenheit von zwei ehemaligen, invaliden Kämpfern: einem Sandinisten und einem Contra. Von Männern also, die vor 25 Jahren in einen blutigen Kampf gegeneinander geschickt worden waren.
(Anneliese Pichler)