Johanna Billing
Seit 2006 präsentiert der Grazer Kunstverein im Rahmen seines thematischen Videoarchives „Es ist schwer das Reale zu berühren” vier Videoproduktionen der Künstlerin Johanna Billing (*1973, lebt in Stockholm).
Das Archiv, das unter Leitung von Søren Grammel und Maria Lind zusammengestellt worden ist, reiste vor seiner festen Stationierung im Grazer Kunstverein durch 14 europäische Kunstinstitutionen – u.a. das Centre d’Art Santa Monica in Barcelona oder die Kunsthalle Tallinn – und trug so auch zur Bekannt-Werdung der Arbeit von Johanna Billing bei, deren Videos und Installationen mittlerweile u.a. bei der documenta 12 oder am Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris gezeigt wurden.
Die Ausstellung im Grazer Kunstverein versteht sich als eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit. Dabei handelt es sich um die erste Einzelausstellung Johanna Billings in Österreich.
Immer wieder scheinen die von Johanna Billing in ihren Videos portraitierten Jugendlichen grundsätzlich an den Möglichkeiten eines politisch-kulturellen, kollektiven Engagements interessiert zu sein. Gleichzeitig scheinen sie Schwierigkeiten zu haben, dieses umzusetzen oder mit ihren jeweiligen individuellen Ansprüchen und Spannungen innerhalb der Gruppe bzw. eines sozialen Kontextes zusammen zu bringen. Exemplarisch für die Schilderung des Problems revitalisiert Billing in einem ihrer Videos, „Project for a Revolution”, die bekannte Filmsequenz aus Antonionis „Zabriskie-Point”: Studenten werden gefilmt, wie sie aktiv im Plenum den Widerstand und die Besetzung der Universität beschließen. In formal ähnlicher Weise zeigt Billing ebenfalls einen Raum mit Jugendlichen, die sich versammelt haben. Aber Billlings Kamera fährt und schwenkt zwischen den Teilnehmern hin und her, ohne dass jemand das Wort ergreift bzw. dem Treffen eine zielgerichtete Initiative gibt. Lediglich Zeit vergeht.
Das Verhältnis Billings zu dieser historisch-filmischen Einstellung Antonionis erinnert an eine Diskussion, die viele westeuropäische Jugendliche mit ihren Eltern haben; diese werfen den Kindern vor, unpolitisch zu sein und keine sozialen Utopien mehr zu entwickeln. Insofern zeigt das Video nicht nur die persönliche Schwierigkeit einer bestimmten Haltung, bzw. überhaupt das Problem von Engagement heute an, sondern es tut dies zugleich auf einem medialen Level, indem es die längst Ikone gewordene Einstellung Antonionis nimmt, sie zugleich aber als nicht „wiederholbar” akzeptiert. Damit – und hier liegt ein wiederkehrendes Moment der Faszination an Billings Arbeiten – wird der Konflikt zugleich als ästhetischer dargestellt: welche Bilder funktionieren überhaupt noch – und welche wirken bereits nostalgisch?
Sara Deraedt
Sara Deraedt arbeitet mit gefundenen Bildern und eigenen Fotografien; oft von Dingen, Räumen oder Umgebungen, von denen eine bestimmte Faszination für sie ausgeht: In „LeLambris“ zum Beispiel verarbeitet sie Material aus Heimwerker-Magazinen in einer eigenen Publikation. Durch das Editieren, Umformatieren, zum Teil auch Ausstreichen und Aussparen von Informationen verwandelt sie dieses Material in etwas zugleich abstraktes und sehr konkretes: Verweise auf die greifbare Möglichkeit von einfachen, aber dennoch rätselhaften Handlungen, die an zugleich fremd und vertraut wirkenden Orten, funktionalen oder künstlerischen Kontexten geschehen könnten. Die Arbeit „o.T.“ wiederum ist ein gerahmtes Poster, dessen Gestaltung mit dem Design von Kunstdrucken spielt: Eingefasst in ein minimalistisches Layout, zeigt ein Foto in Nahansicht das ornamentale Muster eines industriell gefertigten Teppichs, wie er in einem Businesshotel irgendwo auf der Welt Verwendung finden mag, um dort vermeintlich ein Gefühl für den Ort zu vermitteln. Deraedt beschreibt eine Welt, in der die Grenze zwischen einer Handlung und ihrer Darstellung, zwischen Tat und Ort verschwimmt. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen Präsentations- und Kommunikationsmedien entscheidet Deraedt darüber, wie das, was sie sieht, sichtbar werden kann und wieviel davon unsichtbar bleiben wird. (*1984, lebt in Wien und Brüssel).
STUDIO
Der Eingangsraum des Grazer Kunstvereins markiert eine Grauzone zwischen Bürosituation, Information, Vermittlung und künstlerischer Produktion. Neben wechselnden ausgewählten Publikationen, Editionen und Kunstzeitschriften, die den BesucherInnen zur Verfügung stehen, finden Interventionen von KünstlerInnen in diesem Bereich statt. Auch das Videoarchiv „Es ist schwer das Reale zu berühren“ kann hier von allen benutzt werden
1. Johanna Billing: Moving in, five films
Viele der Filme Billings (*1973, lebt in Stockholm) entstehen in Zusammenarbeit mit Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Sie werfen Fragen auf, die Begriffe wie Engagement und Handlungsfähigkeit thematisieren. Die Erfahrung der Stärke kollektiven Handelns und die Suche nach individuellem Ausdruck bilden dabei wiederkehrende Pole, zwischen denen sich die Position der gezeigten Akteure nie ganz genau orten lässt.
Programm
I’m Lost Without Your Rhythm, 2009, 13'29 min
You Don't Love Me Yet, 2002-2010, Documentation Material on DVD from ongoing live tour
Where She is At, 2001, 7'35 min
Magical World, 2005, 6'12 min
Project For a Revolution, 2000, 3'14 min
www.grazerkunstverein.org/01-programm/158-1503--22052010--johanna-billing.html
2. Sara Deraedt
Sara Deraedt (*1984) lebt in Wien (wo sie an der Akademie der bildenden Künste studierte) und in Brüssel. Ihre Arbeit basiert auf dem Spiel mit eigenen Fotografien und gefundenem Bildmaterial, dessen Bedeutungen und Geschichten sie durch das Experiment mit unterschiedlichen Formaten der Präsentation und Kombination neu erzählt. Durch das Editieren, Umformatieren, zum Teil auch Ausstreichen und Aussparen von Informationen verwandelt sie ihr Material in etwas zugleich abstraktes und sehr konkretes: Verweise auf die greifbare Möglichkeit von einfachen, aber dennoch rätselhaften Handlungen, die an zugleich fremd und vertraut wirkenden Orten, funktionalen oder künstlerischen Kontexten geschehen könnten.
www.grazerkunstverein.org/01-programm/164-1503-01052010-sara-deraedt.html