4. bis 13. April 2009
In einer winzigen Blockhütte kam im Jahr 1809 ein Mann zur Welt, der wie wenige andere den Weg der Menschheit zum Positiven lenkte. Abraham Lincoln war der Sohn eines einfachen Farmers. Und an ihm erfüllte sich der „American Dream“ – dass jeder alles vermag, wenn er es nur richtig anfängt – in besonderem Maße. Lincoln wurde Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, und er führte sein Land durch einen Bürgerkrieg, an dessen Ende die Befreiung der Sklaven stand. Der 200. Geburtstag Lincolns und der Amtsantritt des ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA, Barack Obama, fallen also symbolträchtig in ein Jahr. Doch erst eine weitere Koinzidenz macht dies zu einem Thema für das Osterfestival PSALM: Abraham Lincoln selbst erfuhr von seinem Sieg nichts. Ein politischer Fanatiker erschoss ihn am Karfreitag des Jahres 1865, zehn Tage vor der endgültigen Niederlage der Südstaaten-Armeen.
So erschüttert war Amerika über diesen Mord, dass der größte Dichter des Kontinents, Walt Whitman, eine Elegie auf den Präsidenten verfasste und sich nicht scheute, die Ermordung Christi mit jener Lincolns zu vergleichen. Eine Spur, die ins Herz von PSALM 2009 führt. In Kurt Weills ergreifender Vertonung von Walt Whitmans Elegie auf Abraham Lincoln nimmt das Festival die musikalische Spur auf: Es fragt nach dem „American Dream“ im Besonderen, darüber hinaus nach dem Traum im weiteren Sinne. Ein Weg, der kaum zufällig an die Stufen des Lincoln Memorials in Washington D.C. führt, wo Martin Luther King zu Füßen der monumentalen Marmorstatue des Präsidenten seine berühmte Rede „I Have a Dream“ hielt – eine Rede, die voller Zitate aus dem reichen Schatz des amerikanischen Spirituals und Gospels ist und so ihre musikalische Gestalt schon in sich trägt. Martin Luther King, der Name verrät es, war ein lutherischer Prediger. Und er drückte für das 20. Jahrhundert aus, was reformatorische Strömungen in den Religionen der Weltgeschichte schon immer antrieb: aus dem Traum, aus der Vision eine tatsächliche Veränderung der Verhältnisse in der Realität zu bewirken.
Kein politischer, sondern ein naturwissenschaftlicher Träumer ergänzt den Blick – und der hat unmittelbar mit Graz zu tun: Johannes Kepler, begnadeter Astronom, 1600 als Protestant aus Graz vertrieben, schrieb den ersten Science-Fiction-Roman der Weltliteratur. In seinem „Somnium“, dem „Traumgesicht“, fantasiert der Wissenschaftler eine Reise auf den Mond. So heikel waren manche astronomischen Ideen des Himmelsforschers, dass es ihm besser schien, sie in eine literarische Form zu verkleiden. Aber damit sind die Traumreisen des Festivals noch nicht erschöpft. Wer hören möchte, welche Vision das Volk Israel aus Ägypten führte, was Mohammed auf seinen nächtlichen Traumreisen erlebte, was sich die mittelalterlichen Troubadoure erträumten oder warum für die Kirchenväter Jesu Passion ein „Todestraum“ war, der sollte sich für die Osterwoche im April 2009 möglichst viele Abende freihalten.
Die Grazer Helmut-List-Halle wird sich für dieses PSALM-Festival in einen Freiheits-Traum-Tempel verwandeln.