Literaturstipendien

In der ersten Kulturbeiratssitzung am 4. März 2004 wurde über die Vergabe von Stipendien der Stadt Graz diskutiert und im besonderen ein Literaturstipendium angeregt.

Noch im selben Jahr wurde diese Anregung aufgenommen und umgesetzt: Die Stadt Graz vergibt jährlich je nach Budgetlage bis zu zwei Literaturstipendien.
Der Grazer Gemeinderat schuf auch für 2019 die Voraussetzungen für die Vergabe von Literaturstipendien der Stadt Graz. 2019 werden zwei Literaturstipendien in Höhe von je € 5.000,-- ausgeschrieben.

Ziel ist die Förderung von Grazer literarischen Talenten bzw. jener Literat*innen, die dadurch die Möglichkeit erhalten sollen, sich intensiv der Fertigstellung eines literarischen Werkes zu widmen. Die Stipendiat*innen erklären sich bereit, innerhalb eines Jahres ihre literarische Arbeit im Rahmen einer Lesung der Öffentlichkeit zu präsentieren und dieses Stipendium in ihren Biografien stets anzuführen.

Einreichfrist: 31. März 2019 (Datum des Poststempels)

Jury

  • Dr. Markus Jaroschka
  • Drin Alexandra Millner
  • Andrea Stift-Laube
  • Mag. Paul Pechmann
  • Dr. Rüdiger Wischenbart
  • Christoph Szalay, MA BA

Stipendiat*innen 2019:


Die Stipendiat*innen 2019 sind Frau Maga Ursula Wiegele und Herr Reinhard Lechner.

Jurybegründungen:
Die 1963 in Klagenfurt geborene, seit 1993 in Graz lebende Schriftstellerin Ursula Wiegele trat mit einer Anzahl an (breit gestreuten) Zeitschriften- und Anthologiebeiträgen sowie mit drei Romanen an die Öffentlichkeit und wurde bereits mehrfach überregional ausgezeichnet. Für heutige Usancen des Literaturbetriebs begann sie relativ spät mit der kontinuierlichen Publikation ihrer literarischen Arbeiten. Das mag zum einen in den vielfältigen beruflichen Interessen begründet sein, denen Wiegele in verschiedenen kulturellen und sozialen Feldern nachgekommen ist (u. a. als Lektorin oder Sprachlehrerin), zum anderen an einer skrupulösen Haltung der eigenen kreativen Schreibarbeit gegenüber, der man zunehmend seltener begegnet: Da ist zunächst eine besondere Neigung für (teils zeitaufwändige) Materialforschungen, auch abseits des Erfahrungshorizonts komfortabler Durchschnittslebenswelt, zu nennen. Und nicht zuletzt ist in der Sprachhandhabung aller ihrer Werke spürbar, dass hier eine Autorin jeden einzelnen Satz, jede Formulierung präzise konstruiert, virtuos gängige Idiomatik mit verblüffender Metaphorik anzureichern und solcherart aufzubrechen versteht.

Diese Sorgfalt und Inspiriertheit zeichnet nun auch Ursula Wiegeles aktuelles Prosaprojekt aus, an dem die Autorin seit nunmehr drei Jahren arbeitet und das den vorläufigen Titel „Bruch. Stücke“ trägt. Angesiedelt in die Zeit unmittelbar nach den großen Erdbeben in Friaul 1976 umkreist Wiegele das Thema von Nachbarschaft und Abgrenzung – ein Verhältnis, das besonders infolge der Umsiedlung des Großteils der deutschsprachigen „Kanaltaler“, die noch vor 1919 (als das Gebiet an Italien fiel) die Mehrheitsbevölkerung darstellten, lange Zeit mehr durch gegenseitige Ressentiments als durch Interesse an der jeweils anderen Kultur und Sprache gekennzeichnet war. Aus dem Blickwinkel ihrer in Gemona geborenen Ich-Erzählerin, Tochter einer „Volksdeutschen“ und eines Italieners, die als junges Mädchen nach dem Erdbeben zu Verwandten nach Kärnten verbracht wird, macht die Autorin nachvollziehbar, wie Neugierde und Offenheit für das Andere den eigenen Denk- und Handlungsspielraum zu vergrößern vermögen. Im Modus eines gleichsam unverstellten, „kindlichen“ Zugangs auf die Sprach-Welt legt die Protagonistin, wie Wiegele diese selber sagen lässt, die „Wörter auf die Waagschale“, und wie das Mädchen ihr lexikalisches Repertoire erweitert, vertieft und hinterfragt, erarbeitet sich die Autorin für ihre „Bruch. Stücke“ eine Schreibform, die über die Sprachvergessenheit klischierter Begriffe und Bilder hinausreicht und an einen vorurteilslosen Zugriff auf die Außenwelt appelliert. Ursula Wiegeles Prosa ist ein kräftiges literarisches Statement im Zeichen der Aufklärung – freilich auch gegen die aggressive Hohlformelrhetorik, die nicht erst seit Kurzem den nationalen politischen Diskurs beherrscht.

Reinhard Lechners Stimme ist zweifellos eine der interessantesten und frischesten in der jungen steirischen AutorInnengeneration. Seine Texte sind keine einfache Lyrik, als Leser ist man immer gefordert. Man wird immer konfrontiert mit neuen Assoziationen und Bedeutungsfacetten, mit neuen Sprachräumen, die sich durchaus intensiv mit der Situation unserer Zeit auseinandersetzen. Es sind Texte, die den Leser in viele Fragen stürzen, die dann aber auch offen blieben - es bleibt vielleicht nur ein Vermuten. Seine Lyrik umkreist ein Paradoxon, das in der Lyrik allzu bekannt ist: Dass angesichts des Scheiterns der Sprache am Leben das Leben mittels eben dieser Sprache dennoch in bleibende Bilder zu fassen ist. Die Lyrik von Reinhard Lechner zeichnet sich aus durch das gekonnte, stimmige Zusammenspiel von Inhalt und Form. Sein Schreibprozess ist eine vorrückende poetische Verdichtung in der Sprache, Lautlichkeit ist dabei wichtig, sodann erfolgt eine Brechung der Inhalte und Sprache, damit wird eine artifizielle Form der Lyrik erreicht.

Das eingereichte Lyrikprojekt „verwildern“ zielt auf das Phänomen des „Erinnerns“, worin mit einem narrativen Ton im Sinne eines alternativen Realismus’ einer impressionistischen Sprechweise der Vorzug gegeben wird gegenüber einer allzu dichten metaphorisch mehr hermetischen Sprechweise. So schreibt Reinhard Lechner in der Projektbeschreibung: „Auch werden soziale (Miss-)stände des Erinnerten in diese Lyrik eingebracht (soziales Milieu, Familienkonflikte), um ihnen dann mit den Mitteln moderner Naturlyrik metaphorische Ordnungen zu verleihen.“
Man ist gespannt auf das Ergebnis dieser literarischen Arbeit.


Stipendiat*innen 2018:


Die Stipendiat*innen 2018 sind Frau Valerie Fritsch, Herr Thomas Raab und Herr Thomas Antonic.

Jurybegründungen:
Als die 1989 in Graz geborene Valerie Fritsch im Jahr 2011 ihre erste Buchveröffentlichung („Die Verkörperungen“, Leykam Verlag) vorlegte, blickte diese bereits auf eine mehrjährige Literaturproduktion zurück (u.a. in der Grazer Jugend-Literaturwerkstatt). Auch die Herausgeber der renommierten Zeitschriften „Lichtungen“ und „manuskripte“ waren früh auf das schriftstellerische Talent der Fotokünstlerin und Autorin Valerie Fritsch aufmerksam geworden. Mit ihrem preisgekrönten Leseauftritt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt („Ingeborg-Bachmann-Preis“) und der Veröffentlichung ihres zweiten Romans „Winters Garten“ bei Suhrkamp schaffte Valerie Fritsch 2015 den Karrieresprung in den überregionalen Literaturbetrieb.
Valerie Fritsch schreibt in jener Tradition der Erzählkunst des 20. Jahrhunderts, die Literatur als „Wissenschaft vom Menschen“ begreift. Die Autorin verfügt über ein besonderes Sensorium für existenzielle Fragestellungen wie Tod, Verlust, Krankheit, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit und besitzt ein tiefgehendes Interesse an psychischen Phänomenen und Mechanismen des Zusammenlebens. So stehen nun auch in dem für das Grazer Literaturstipendium eingereichten Text mit dem Arbeitstitel Herzklappen von JOHNSON & JOHNSON psychische Befindlichkeiten und zwischenmenschliche Interaktionsformen im Zentrum einer Familiengeschichte über drei Generationen: Durch die Eingängigkeit, Originalität sowie die Dichte der Bilder, Vergleiche und Metaphern kommen dieser Prosa spezifische Erkenntnispotenziale avancierter Literatur zu. Die hochgradige Bildhaftigkeit verweist auf semantische Übertragungsprozesse, die auch jene psychologischen u.a. Theoreme prägen, die in den Geschichten aufgerufen werden. Besondere Evidenz freilich gewinnen Fritschs sprachreflexive Verfahren, wenn die Autorin Schablonen des metaphorischen Sprachgebrauchs aufbricht (etwa wenn sie die idiomatische Wendung „Mantel des Schweigens“ in einen konkreten Vergleich zurückführt: „Sie trugen das Schweigen wie einen Mantel.“) und somit dem Klischee eine eigene, auf unmittelbare sinnliche Wahrnehmung gegründete Sprachfindung entgegensetzt. Die Virtuosität und Eleganz von Fritschs Sprachhandhabung wurde im Feuilleton vielfach hervorgehoben. Eine besondere Qualität ihres Personalstils, ihr Zugriff auf klassischen rhetorischen Ornat oder ihre Vorliebe für den Einsatz antiquiert anmutender Wörter („Geheiß“, „geharnischt“ et al.), gewinnen im Kontext der für das Stipendium eingereichten Erzählung besondere Plausibilität: Die Verwendung solcher Vokabel korrespondiert mit rührenden Gesten der älteren Figuren, durch das Bewahren von Zeichen, Symbolen und Ordnungen – wenigstens dem eigenen Empfinden nach – den Fluss der Zeit aufzuhalten.
Durch die melancholische Grundstimmung von Valerie Fritschs Prosa hindurch sind indes deutlich auch allgemein gesellschaftskritische Tendenzen auszumachen. Die jüngste Generation der Erzählung verkörpert ein kleiner Junge, der an einer äußerst seltenen Krankheit leidet. Infolge eines genetischen Defekts ist er unfähig Schmerz zu empfinden, womit es ihm an zentralen körperlichen Warnsignalen ebenso wie an somatischer Empathiefähigkeit mangelt. Das auf der Erzähloberfläche akzentuierte soziale Problemfeld einer „orphan diesease“ ließe sich allegorisch auf den Zustand einer Gesellschaft übertragen, die sich vor dem Hintergrund ubiquitärer Optimierungsideologien in Bezug auf das (Mit-)Empfinden von Schmerz zunehmend desensibilisiert. Mit Valerie Fritschs mitreißenden Geschichten ist uns ein Mittel gegen die Einübung solcher Ignoranz gegeben. Nicht nur dafür gebührt der Grazer Autorin ein Literaturstipendium!

Thomas Raab ist Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer; er ist aber auch Kognitionsforscher, Verfasser von Schriften über philosophische Ästhetik und langjähriger Mitarbeiter von Oswald Wiener. Die wissenschaftliche Tätigkeit ist seinen literarischen Texten insofern eingeschrieben, als sie sowohl Wahrnehmungsparadigmen als auch das Sprachverhalten kritisch hinterfragen. Dadurch erhalten seine Texte eine profunde gesellschaftskritische Dimension. Seine Prosa, die an experimentellen Schreibweisen orientiert ist und sich dennoch durch stilistische Stringenz und einen alles durchdringenden beinahe hinterlistig zu nennenden Humor die Qualität der guten Lesbarkeit bewahrt, stellt eine eigenwillige Position in der gegenwärtigen österreichischen Literaturlandschaft dar. Seine Romane Verhalten (2002) und Die Netzwerk-Orange (2015) erhielten eine breite Rezeption und internationale Aufmerksamkeit. Über sein neues Prosaprojekt Erlebnisse hat Thomas Raab ein überzeugendes Konzept erstellt, das zu fördern der Jury ein wichtiges Anliegen ist.

Thomas Antonic ist zur Zeit einer der vielseitigsten Schriftsteller der jüngeren Generation. Als Literaturwissenschaftler beforscht er u.a. Wolfgang Bauer, zu dem er eine umfassende Monografie vorgelegt hat, sowie den Einfluss der Beat Generation auf die deutschsprachige Literatur; er ist als Musiker, Filmer, vor allem aber auch als Schriftsteller produktiv und publiziert seit 2004 regelmäßig in Literaturzeitschriften und Anthologien. Seit 2013 hat er drei Romane veröffentlicht:
gemeinsam mit dem finnischen Künstler Janne Ratia und der steirischen Künstlerin Tina Raffel 2013 den Roman Der Bär im Kaninchenfell. Das unmögliche Leben des Thomas A. J. Ratia und 2014 den Roman JOE 9/11.
Nicht zuletzt aufgrund des Literaturförderstipendiums des Kulturamts der Stadt Graz konnte er die in Deutsch und Englisch verfasste Prosa Flackernde Felsbilder übler Nachtvögel „/ Flickering Cave Paintings of Noxious Nightbirds fertigstellen und auch schon publizieren. Darin bringt er auf überzeugende Weise und mit eindrücklichen sprachlichen Bildern sein literaturwissenschaftlich erarbeitetes Wissen über Cut up-Techniken der Beat Generation und andere experimentellere Formen von Literatur zur Anwendung. Dass er nun an dieses Buch anknüpfen will, ist viel versprechend und wurde deshalb von der Jury als förderungswürdig erachtet.

Stipendiat*innen 2016:


Die Stipendiat*innen 2016 sind Frau Maga Evelyn Schalk und Herr Egon Christian Leitner .

Jurybegründungen:
Die 1981 in Graz geborene Autorin Evelyn Schalk trat seit 2003 regelmäßig mit journalistischen und literarischen Texten an die Öffentlichkeit, daneben wirkte sie als Kuratorin zahlreicher wissenschaftlicher und Kunstveranstaltungen sowie als Literaturwissenschaftlerin an der KFUG. Mit der an mehreren öffentlichen Plätzen angeschlagenen Wandzeitung „ausreißer“, die Schalk im Jahre 2004 mitbegründete und seitdem mitherausgibt, schuf sie ein in der Stadt Graz einzigartiges Medium, das formal und inhaltlich anspruchsvolle Literatur einem breiteren Publikum zugänglich macht. Evelyn Schalks bevorzugte Textsorte ist der Essay. Paradigmatisch für Interessenslagen und Schreibverfahren der Autorin ist ihre aktuelle Arbeit „nacht.schicht“, für welche ihr von der Jury ein Literaturstipendium der Stadt Graz zugesprochen wurde. „nacht.schicht“ ist eine literarische Vermessung der Nacht, ein Streifen durch die dunklen Stunden, eine Recherche nach allfälligen „Räumen des Konjunktivs“, Gegenkonzepten zu jener, in der Soziologie ebenso wie in der Literatur vielfach beschriebenen, immer umfassender werdenden Anpassungswut. Mit einem präzisen Blick auf die Widersprüche postindustrieller Spektakelkultur beschreibt Schalk das ubiquitäre, von der Ökonomie reglementierte nächtliche Über-die-Stränge-Schlagen und kontrastiert solche Befunde mit gegenläufigen Vorstellungen nächtlichen Treibens und Getriebenwerdens, die an jene der Romantik (Novalis, Eichendorff) anklingen. In ihren Betrachtungen legt die Autorin ein besonderes Augenmerk auf den romantischen Topos von der Nacht als Wiege der Phantasie und des kreativen Exzesses. Dieses und ähnliche Klischees untersucht Schalk nun unter Bezugnahme auf Haltungen und Einstellungen heutiger Mainstream-LiteratInnen und formuliert, diese kontrastierend, originelle Thesen zum aufrührerischen Potential (nächtlicher) schriftstellerischer Praxis: Wo sich Habitus und Arbeitsroutinen der Schriftstellerin/des Schriftstellers nicht von jenen einer kompakten Majorität von Angestellten und Kleingewerbetreibenden („Soldaten für die Wirtschaft“) unterscheiden, ließe sich laut Schalk das Rollenmodell des „libertinen“ Autors als revolutionäre Utopie neu akzentuieren. Evelyn Schalks Essay „nacht.schicht“ überzeugt auch durch seine kunstvolle Anlage. Der Titel spielt u.a. auf die im Text thematisierte gesellschaftliche Differenzierung diverser Nachtschichten an, ebenso auf die Struktur des Textes, der Material unterschiedlicher Diskurs-Ebenen übereinander schichtet. Der Fluss der Bilder, Gedanken und Assoziationen wird dem Leser als Bewegung des Driftens erfahrbar (im Sinne von Guy Debords „dérive“), die jenem, spontanen Impulsen folgenden Durch-die nächtliche-Stadt-Streifens der Erzählerin entspricht. Die abrupte Abfolge von flackernden Beobachtungen, Wahrnehmungssplittern, persönlicher Spurensuche der Autorin, von Befunden aus Gesellschaftsanalysen und von Zitaten aus verschiedenen Kontexten erzeugen eine Heterogenität, die der im Text aufgerufenen Utopie „nächtlicher“ Entgrenzung besondere Evidenz verleiht. Für ihr widerständiges Textprojekt fand Schalk eine Sprache von konzentrierter Emphase und Eindringlichkeit. Ob nun durch die exzessive Verwendung des Infinitivs anstelle des finiten Verbs, um der im Text angesprochenen „Gleichschaltung“ Ausdruck zu verleihen, oder durch das Aufspalten von Lexemen, um „verborgene“ Wahrheiten, Zusammenhänge sichtbar zu machen – Schalk vermag sprachspielerische Verfahren mit großer Raffinesse zu handhaben. Selten finden in der jüngeren Generation von LiteratInnen eine gesellschafts- und medienkritische Beobachtungsgabe und solch hohe Ansprüche an Formfindung und Ausdruckskraft zusammen wie bei der Grazer Autorin Evelyn Schalk.

„Ich schlage Egon Christian Leitner für das Literaturstipendium der Stadt Graz vor, weil er mit großer Konsequenz und auf hohem literarischen Niveau eine fortlaufende Chronik der österreichischen zeitgenössischen Gesellschaftsgeschichte verfasst. Dessen Fortschreibung soll durch Zuerkennung des Literaturstipendiums Unterstützung und Anerkennung finden. Bereits mit seinem Roman „Des Menschen Herz“ hat Leitner eine literarische Chronik zur österreichischen Zeitgeschichte vorlegt, wie sie nur wenige zeitgenössische AutorInnen gewagt haben. Umsichtig und stilistisch sicher, die Traditionen realistisch chronikalen Erzählens aufgreifend und aus einer fachlich kundigen Grundlage essayistischer Vorarbeiten schöpfend, legt Leitner einen Roman sowie ein Konvolut an Tagebucheinträgen vor, die sich störrisch modischen Usancen widersetzen, aber in sich schlüssig ein großes Oeuvre eröffnen. Die Verleihung eines „Stipendiums“ mag aufs erste einem Autor im Alter Leitners nicht entsprechen. Doch mit Blick auf den vorgelegten Roman als literarisches Erstlingswerk ist das Stipendium ein Schritt der Anerkennung eines schriftstellerischen Mutes sowie der Freude auf nachfolgende literarische Werke des bislang vor allem als Wissenschafter und Essayist hervorgetretenen Autors.“

Stipendiat*innen 2015:


Die Stipendiat*innen 2015 sind Cordula Simon und Mag. Alexander Micheuz.

Jurybegründungen:
Die 1986 in Graz geborene Cordula Simon schloss ihr Studium der deutschen und russischen Philologie in Graz und Odessa mit einer Arbeit über Lou Andreas Salomé ab. Sie war Koordinatorin und Workshopleiterin der Jugend-Literatur-Werkstatt Graz und lebt seit 2011 in Odessa und aufgrund der politischen Situation wieder in Graz. Nach Publikationen in Zeitschriften und mehreren Literaturpreisen erschien im August 2012 ihr erster Roman Der potemkinsche Hund und 2013 ihr zweiter Roman Ostrov Mogila. 2014 war Simon für den Ingeborg Bachmann Preis nominiert. Cordula Simons Prosa kommt lakonisch daher, fast fatalistisch, wirkt wie „hingeknallt“ in ihrer Lässigkeit und forcierten Provokation. Sie wirkt herausfordernd, kalt, „wild“ – unwillkürlich assoziiert man „russische Seele…“ und schaudert doch selbst gleich zurück vor diesem Klischee. Zu „modern“ und jung ist diese Sprache, zu (gewollt) verstörend, irritierend sind deren Inhalte. Auch wenn in Simons Texten Grenzen des fürs westliche Denken noch Fassbaren oft überschritten werden, findet sich kein Funke Resignation. Diese Prosa ist vielmehr trotzig, beinah schnoddrig in ihrer abweisenden Haltung: Bleibt weg von mir, haltet Abstand! Rebellentum, Einzelkämpfertum – das scheint als Kern ihren Texten gemeinsam zu sein. Manchmal wirkt es, als würden die (oft weiblichen) Hauptgestalten ihr Schicksal annehmen, hinnehmen, akzeptieren – großer Irrtum! Spiel, Täuschung, Trick, Lüge. Es geht um das nackte Überleben! Cordula Simon sucht als Erzählerin, Frau, Mensch, wie viele ihrer ZeitgenossInnen, nach anderen, unerforschten, nie begangenen Wegen durch den Dschungel der heutigen Welt. Not und Elend, politische Unterdrückung, Raffgier, menschliche Dummheit, Enge, Mangel und Armut lassen sie auf raffinierte und kunstvoll-kreative Weise sprachlich-neue Pfade durchs Unterholz schlagen. Das Romanprojekt „Spieler“ wird nach Ansicht der Jury einstimmig als förderungswürdig erachtet.

Alexander Micheuz wurde 1983 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla geboren. Er studierte in Graz Germanistik, seine Diplomarbeit schrieb er über Werner Schwab. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er teilbeschäftigt als Handelsangestellter. Veröffentlichungen seit 2006, u. a. in Literaturzeitschriften wie in LICHTUNGEN (106/2006), manuskripte, perspektiven, sowie in Anthologien. Weiters machte er als Dramatiker auf sich aufmerksam mit Theatertexten wie Macht und Von der Liebe zu den Dingen und Menschen.

Alexander Micheuz gehört zu den stillen Autoren/Autorinnen des Landes, sein Schreiben und seine Veröffentlichungen erfolgen in größeren Zeitabständen. Es ist ihm vermutlich eine tiefe Skepsis gegen einen oberflächlichen Sprachgebrauch eigen, die genaue Beobachtung von „Wirklichkeit“ beansprucht viel Zeit, um eine treffende sprachliche Umsetzung zu erreichen. Daher sind die Texte, viele Miniaturen, mit einer unglaublichen Präzision verfasst. Traditionelle Textformen wie eine phantastische Erzählung, Aphorismen, Parabeln werden ohne Scheu verwendet, diese werden jedoch sehr bald neu formiert, abgewandelt, quasi „auf den Kopf“ gestellt, wodurch das Absurde, das Groteske meist spielerisch, ja, auch kalauernd zu Tage tritt. Auffallend ist, dass der Autor nicht in die Falle einer Psychologisierung tappt. Seine Sprachsatiren sind präzise „Sprachspiele“, worin brutale, unangenehme Wahrheiten für die Leserin / für den Leser offenbar werden.

Ein sein Werk tragender Aspekt ist die Auseinandersetzung mit Macht, Gewalt und Sprache in der modernen Gesellschaft. Der Autor geht offensichtlich von der Annahme aus, dass Macht mit ihren Gruppenhierarchien, mit dem bekannten Problem des Verhältnisses von Täter und Opfer, von einer stillschweigend sprachlichen Übereinkunft ausgeht. Philosophisch gesehen bedient er sich in seinen „Sprachspielen“ der Komik als Erkenntnismittel. Die schon erwähnten Stilmittel der Offenlegung von Machtstrukturen sind in einer schmunzelnden Dialektik die kalauernde Blödelei und die Satire, sie ermöglichen das Erkennen der immer gleichen Zynismen von „Machtspielen“.

In dem eingereichten Literaturprojekt „Outsiders“ bedient sich der Autor wieder der Farce, Groteske und Satire, um mittels Verfremdungseffekten zu neuen innovativen Möglichkeiten im epischen Theater zu gelangen. Die Handlung des Stücks: Vier Personen wohnen in einer WG, jeder dieser Bewohner hat eine spezielle Biographie, die auch viel Scheitern beinhaltet. Eines Tages taucht die Idee auf, dass die Wohngemeinschaft einen Film für youtube drehen soll, der eine Bergbesteigung in der Wohnung möglichst „authentisch“ simulieren soll. In diesem Geschehen kommt jener Bewohner, der die Idee zum Film hatte, ums Leben. Es bleibt in der Folge, wie der Autor die Handlung beschreibt, völlig ungeklärt, wer für diesen Tod verantwortlich ist. Die Beziehungen der Akteure werden auf der Suche nach der Todesursache schonungslos offengelegt; zuletzt wird das Publikum einbezogen zu entscheiden, was passiert ist. Es ist ein rasantes Spiel mit Fiktion und mit (Theater-)Wirklichkeit, eine tragikomische Situation, in der sich das Publikum der absurden Lage bewusst werden soll.

Der Autor schreibt getreu seinem Aufspüren der Zynismen von Macht dazu: „Gepaart mit Fragestellungen nach gesellschaftlicher Ausgrenzung und Außenseitertum ist ‚Outsiders‘ der Versuch, eine aktuelle gesellschaftliche Befindlichkeit zu erspüren: Nämlich die höchst ambivalente Sehnsucht nach Öffentlichkeit und Authentizität.

Stipendiat*innen 2014:


Die Stipendiaten 2014 sind Herr Helwig Brunner und Herr Christoph Szalay.

Jurybegründungen:
Helwig Brunner, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Lichtungen und Herausgeber der Buchreihe keiper lyrik, tritt seit Jahren mit Publikationen im In- und Ausland (New York, Ungarn, Kosovo) an die Öffentlichkeit. Der Grazer Autor war bis Ende 2013 vollberuflich in einem ökologischen Planungsbüro tätig und reduziert nun diese Arbeit, um sich stärker seinen unzähligen und vielfältigen literarischen Projekten widmen zu können. Die vorliegenden Beispiele aus der Gedichtsammlung Denkmal für Schnee und dem Prosaprojekt Journal der Bilder und Einbildungen geben eindrucksvoll Zeugnis von konsequenter und gereifter literarischer Arbeit, die weitere Steigerungen sowohl inhaltlich wie auch stilistisch erwarten lässt.

Hohe Sensibilität und eine lakonische, klare, sinnlich unmittelbar ansprechende, dennoch philosophisch tiefgründige und mehrdeutige Bildersprache kennzeichnen Helwig Brunners Texte; ungekünstelt, lebendig, klar und eindringlich, ohne jemals aufdringlich oder manieriert zu werden, wirken Lyrik und Prosa. Helwig Brunner ist unbestritten eine der bedeutendsten literarischen Stimmen Österreichs, ein bescheidener und zurückhaltender Autor, der heuer zum ersten Mal um ein Stipendium der Stadt Graz ansucht und es – der Schriftsteller hat für seine Familie zu sorgen – in einer Übergangssituation ganz sicher, abgesehen von der hohen Qualität und suggestiven Intensität seiner Werke, verdient. Diese Meinung äußerte die Jury im Rahmen ihrer Beratungen in vollkommener Übereinstimmung.

Der 1987 in Graz geborene Christoph Szalay machte bereits als Anfang 20-Jähriger eine literarisch interessierte Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. Nach ersten Publikationen in den Literaturzeitschriften perspektive und Lichtungen kam 2009 sein erster Lyrikband stadt/land/fluss im Leykam Verlag heraus, ein weiterer folgte 2012 im selben Verlag (flimmern).

Thematisch ist Christoph Szalays literarische Arbeit von allgemeinen existenziellen Fragestellungen geleitet: Aufgerufen werden in seinen Texten immer wieder Sehnsüchte nach Glücksempfindungen oder Erinnerungen an solche, aber auch Erfahrungen von Verlust, Vergänglichkeit und Schmerz. Im Exposé zu seinem der Jury vorgelegten Schreibprojekt, einem Gedichtzyklus, der den Titel Rosa Flamingos trägt, nennt Szalay vier grundlegende Themen der Existenz, die darin verhandelt werden: „Heimat, Reise, Erinnerung und Liebe.“ An konkrete, sinnlich fassbare Erlebenswelten gebunden werden derlei Erfahrungen nicht zuletzt durch die Nennung von Orten, deren Symbolkraft der Autor überraschende Facetten abzugewinnen versteht. Sein letztes Buch, Asbury Park, NJ (Luftschacht Verlag Wien 2013), verweist nun auch im Titel auf das topographische Zentrum von dessen Wahrnehmungs- und Spracherkundungen: Es ist jener Bade- und Vergnügungsort am Rande New Yorks, der als Schauplatz oder Drehort mehrerer international erfolgreicher Filme diente. Dessen kontinuierlicher Aufstieg und Niedergang wird vom Autor minutiös und unsentimental registriert. In das Buch eingestreut sind kleinformatige Fotos des winterlichen Küstenorts, die gerade die Fläche einiger weniger Verszeilen einnehmen; in der Gegenüberstellung von Text und Bild lässt der Autor Darstellungsmodi des Dokumentarischen selbst thematisch werden.

Christoph Szalay hat eine Vorliebe für „elementare“ Wörter und Bilder; zum einen sind es Vokabel aus gleichsam vormodernen Vorstellungsbereichen, welche die Gedichte aus der Zeit zu entrücken scheinen, zum anderen sind es zigfach verwendete „Garantiewörter“ des lyrischen Genres, die den Gestus der Gedichte an jenen von scheinbar voraussetzungslosen popkulturellen Produkten annähern, auf die diese auch wiederholt Bezug nehmen (zum Beispiel Songtexte von Bruce Springsteen in Asbury Park, NJ). Dass sich aus solchem, für form-ambitionierte Sprachkunst scheinbar obsolet gewordenen Material Dichtungen von hochgradiger Selbstreflexivität speisen lassen, ist Szalays konzentrierter Handhabung der gewählten Mittel zu verdanken. Immer wieder sind es kleine, fast unmerkliche Eingriffe in den geläufigen Sprachfluss, mit denen lyrische Klischees aufgebrochen werden. So vermag in Asbury Park, NJ allein schon das Versetzen von Interpunktionszeichen (konkret: die konsequente Vorverlegung des Punktes vor das Bindewort „und“) poetische Routinen zu unterminieren und die Aufmerksamkeit des Lesers auf semantische Bruchstellen zu lenken.

Ein Hauptinteresse Christoph Szalays gilt jenen Zonen atmosphärischer Ambivalenz, in denen sich objektivierbare Weltkonstruktion und subjektive Erfahrung einander überlagern. Analog zu solcher perspektivischer Undezidiertheit organisiert der Dichter seine Texte bevorzugt nach Prinzipien des Zyklischen und Kaleidoskopischen. Die sprachliche „Choreographierung“ von Wahrnehmungs- und Erinnerungsräumen erscheint als unabgeschlossener Prozess. In seinem aktuellen work in progress Rosa Flamingos etwa lässt Szalay poetische Ich- und Weltbefunde um Leitbegriffe wie „Schatten“, „Rauschen“, „Flimmern“ oder „Flüstern“ kreisen und formt solcher Art poetische Gebilde von raffiniert kalkulierter Offenheit. Szalays Gedichte treten mit ihrem auf luzide Weise hergestellten mehrdeutigen Eigen-Sinn jener verbreiteten Manier bedeutungsvernebelnder Beliebigkeit entgegen, die nach wie vor die Masse der Lyrikproduktion beherrscht. Nicht zuletzt ist es der methodenbewusste Umgang mit sprachlichem Material, der die Mitglieder der Jury an den Arbeiten Christoph Szalays, der mittlerweile zu den avanciertesten Lyrikern seiner Generation zählt, beeindruckte.


Bisherige Stipendiat*innen:


2018: Valerie Fritsch, Thomas Raab, Thomas Antonic
2016: Maga Evelyn Schalk, Herr Egon Christian Leitner
2015: Cordula Simon, Mag. Alexander Micheuz
2014: Helwig Brunner, Christoph Szalay
2013: Sophie Reyer, Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Helmut Schranz
2012: Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Olga Flor, Christian Winkler
2011: Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Maga Angelika Reitzer, Dr. Max Höfler
2010: Natascha Gangl, Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Lilly Jäckl
2009: Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Gabriel Loidolt, Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Mike Markart, Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Martin G. Wanko
2008: Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Georg Petz, Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Günter Eichberger
2007: Gabriele Kögel, Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Andrea Stift,
2006: Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Wilhelm Hengstler, Bernhard Tockner
2005: Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Sonja Harter, Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Maga Angelika Reitzer
2004: Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Maga Olga Flor, Digitale Visitenkarte am KulturServerGraz Gerhild Steinbuch

Vergabekriterien


"Vergabekriterien für das Literaturstipendium"


KONTAKT:
Konrad Stachl
Kulturamt der Stadt Graz
Stigergasse 2 (Mariahilfer Platz), 2. Stock, A-8020 Graz
Tel.: +43/316/872-4924
Fax: +43/316/872-4909
e-mail: konrad.stachl@stadt.graz.at

ABTEILUNGSVORSTAND
Michael A. Grossmann
Kulturamt der Stadt Graz
Stigergasse 2 (Mariahilfer Platz), 2. Stock, A-8020 Graz
Tel.: +43/316/872-4900
Fax: +43/316/872-4909
e-mail: michael.a.grossmann@stadt.graz.at